D. M. Täger – Gedichte, Lieder und Betrachtungen

 

Jonathan

1.
Das Gesicht nach außen in die Hände gelegt wie eine Schale, vom Auge ungefiltert, trifft das Bild auf die entgrenzte Kognition. Derart freigesetzt wird das Bild zum Spiegel und das Gesicht bleibt Maske.
Wie Dämonen verwirren das Klare die somnambulen, dezentralen Prismen wandernden Geistes; das ist unverwandtes Fischen im Trüben des gesteigerten Willens ohne Filter. Diese Retardierung ist im Auge des Betrachters Selbstreflexion. Doch wie das Bild auf dem Auge nicht Ding wird, ist das Ding kein Bild an sich. Nur im umgekehrten Gesicht tritt das Ding ungebildet nach außen und bleibt es selbst als Form und hört im Herzen auf zu sein.

2.
An Zivilisation gemahnenden, schartigen Phonationen ist der Mut das Morphem im Hadern und nicht jenes abstrakte Würgen nach Realität, nach Interesse.
Das Herz im Sturm, im Innern des Sturms gelegen, ist ein wilder Ritt durchs Empfinden und trifft zu, wenn es polternd jubiliert. Mit freien Rhythmen im Blankvers.
Hier rennt ein Wölflein mit dem Mond.
Babel erlöst sich im stillen, gereinigten Pfingsten, das die Zukunft betörend dem Glissando der Hoffnung vermacht, gleich ist dies die grandiose Stärke und das Vorrecht der Mutation.
Das süße Versprechen eines Pfingsten, eines zerschellenden Krugs und des geläuterten Untergangs der Exegese, die auch hier mit der Vergangenheit abschließt.
Das Wölflein galoppiert mit dem Mond, vielmehr in die Luft lächelnd, sie schnappend als Verbündeten, als starken Freund.
Der Othmende, der Gekommene, reflektierend, negierend, spielerisch und schüchtern, ein bildgewordener Prophet.
Das Wölflein, der Othmende, der Prophet — ein Kanal.

3.
Ein Engel tropft in den Raum, unfrei im Menschen, doch einig in Gott. Die Mystiker suchen die Erkenntnis im Verzicht; Gott gibt uns die Verkündung in der wundervollen Variation und in der Wandlung des Dings in der Zeit.
Ein in den Händen ruhendes Gesicht ist eine Schale, in dessen zartem Innern der Engel wohnt.
Und Unruhe befällt den, der ihn schaut, Liebe den, der ihn kennt, Erkennen den, der um ihn weiß und Vertrauen in die göttliche Natur unseres Planeten, der ihn lässt wie er wird.

(Betrachtung, 15.3.15)

***

Die stygische Schwärze der Nacht

Oy, warum brechen die Klingen entzwei, so nah bei der Prüfung.
Ach, was verdirbt dir die Frucht im Leib und du sehnst vor Empfängnis.
Grad so viel Weh passt noch halb in die Tiefe des Krugs zu vergessen.
Die stygische Schwärze der Nacht näht uns Panik ins Maul.

An Schuld zerbrechen sie alle wie Klingen geschmiedet aus Blei.
Die Erkenntnis zerreißt die Haut wie Papier, dass sie schreit.
Dann, wenn das Blut auf den Treppen gefriert vor Enttäuschung,
näht die stygische Schwärze der Nacht uns Pappen ans Lid.

Nein, ist die Antwort auf jede in sich geschlossene Frage
und nein ist die Wahrheit, die sich in den Falten geniert.
Weil alles was jene wirft, sich in dieser traurig verleugnet,
denn die stygische Schwärze der Nacht ist ja eben zugleich.

Oy, warum sterben die Menschen so durchweg und immer belanglos,
und hören wir doch einsichtig auf mit dem generieren von Lust.
Im Ganzen sind Meere so salzig wie entschlossen vergossene Tränen.
Und alles versinkt und verschwindet in der stygischen Schwärze der Nacht.

(Kissinger Höhe, 11.3.15)

***

erdmeer

wie in glas
liegen
im wintergras
auseinandergeschrieben
ubiquitär
mit ein paar längen
im erdmeer
in den schengen

das ewige rom
dringt
in die letzte bastion
ins erdmeer
partikel für partikel
ins genom

unter led sonnen
bleichen
schlachtung für schlachtung
die leichen dies
täglichen genozids
somnambules
fremdes lied

sahra sahra
schnei
rodung für rodung
luft wirft kahl
eine wüstenei und
blaugrauen stahl

im alten wasser ist
ein spalt
atom für atom
heißkalt ist
innere emigration
das ewige rom
hinfegt die letzte bastion

alles spiel
ist alles
link für link
bleibt nicht viel
nur aas im erdmeer
ist hermetisch
und ubiquitär

kollateral
bangen
ton für ton
quillt kapital
im stadion
von den rängen
ins finstere Tal

ein splitter
im herzen
parasympathische gitter
darinnen ein klicken
im takt wippen
dann wieder
xenophobie

bogen flügel feuer
zwei münzen
spore für spore
ein ungeheuer
aus den pfründen
in das chore
für die sünden

wie in glas
liegen
im wintergras
auseinandergeschrieben
ubiquitär
mit ein paar längen
im erdmeer
in den schengen

hoch übers erdmeer
und über die himmel
bis zu den sternen
hört ihr mein
weinen
um unsere toten
all
unsere unzähligen
planeten
verderben
im all

(Geinegge, 23.2.15)

***

Weihe

Nehmt mich auf
im Hainbund lieber
als im Sturm.
Um den Herd
im Feuerfieber
steht der Turm.

Geh zurück
vom Herd und schaue
in den Mond,
dessen Schein,
dem ich nicht traue,
mich verschont.

Droht mir nicht
im Ewigwähren
mit dem Lot.
Denn im Wasser
muss gebären
mich die Not.

Brunnen sind
dachlose Türme
ohne Tor.
Hieraus steigen
wir Gewürme
nackt empor.

Wir ist ich
mit Engelsschwingen
durch den Raum.
In ihm Stille
wie ein Singen
aus dem Traum.

Hoch die Hand,
gewölbt zum Sterne,
wie ein Teich.
Drin gespiegelt
ist die Ferne
allen gleich.

Spät bin ich
hinein gesunken
in den Turm.
Still bin ich
dabei ertrunken
in dem Sturm.

(Wetter, Harkortturm, 15.2.15)

***

Teutoburger Wald

Aufrauscht der Wald
überm Schilfmeer unterm Mond,
ganz unbewohnt
steht der Teutoburger Wald.

Im Hage lehnt ein Knabe wie ein Komma.
Im Moose schlägt ein Fuchs ein Epigramm.
Im Froste sinnt die Sonne nach dem Sommer.
Ihre Hymne schwankt in Böen übern Kamm.

Aufrauscht der Wald
überm Schilfmeer unterm Mond,
ganz unbewohnt
steht der Teutoburger Wald.

Wohl ahnten wir im Wald die Abschiedslieder.
Nichts sparte uns dies Ahnen als die Schuld.
Ich geh ein Stück und sinke in den Flieder.
Im Wesen wirkt dies Sinken wie Geduld.

Aufrauscht der Wald
überm Schilfmeer unterm Mond,
ganz unbewohnt
steht der Teutoburger Wald.

Verrieten wir uns Formeln in die Himmel.
Auch kennten wir des Knaben letzten Hauch.
Im Tale gärt ein klonisches Gewimmel.
An Bergen scheitern Wolken auch.

Aufrauscht der Wald
überm Schilfmeer unterm Mond,
ganz unbewohnt
steht der Teutoburger Wald.

(Damme, 6.2.15)

***

Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
besser geht es nimmer.
Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
schlimmer geht es immer.
Sieh dir mal das Tinchen an,
was das Tinchen machen kann,
es guckt nach hier und dann nach da wie Gina Ruck-Pauquèt.

Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
besser geht es immer.
Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
schlimmer geht es nimmer.
Schau dir mal das Tinchen an.
wie das Tinchen lachen kann,
breiter als ein Frosch und als Gina Ruck-Pauquèt.

Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
da hilft kein Gewimmer.
Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
es umgibt ein blasser Schimmer.
Sieh dir mal das Tinchen an,
wie das Tinchen Bienchen Kann:
summ summ summ summ Gina Ruck-Pauquèt.

Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
besser wird es nimmer.
Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
schlimmer wird es immer.
Schau mal hinterm Tinchen nach,
drück, pups, schäm, lach!
Schöner kann das niemand, nicht mal Gina Ruck-Pauquèt.

Das Tinchen ist ein Frauenzimmer,
ist das jetzt mal klar?
Das Tinchen war das sogar schon,
als das noch keine war.
Jetzt sieh dir mal das Tinchen an,
tritt zurück und schau’s dir an:
Das Tinchen ist ein Himmelsglück, das weiß auch Gina Ruck-Pauquèt.

(Kurpark, Bad Hamm, 3.2.15, für meine Frau)

***

Maria.Im Gurkenfeld

So gleich gewirkt in stoffen Bildern,
seidenfein das Garn verwildert,
warm aufwölkt das Blaue Stahl.

Um ein Haar im Öhr verhindert,
dann was kratzt, mit Ruh gelindert.
Ein ums andre Mal.

Dies Heim gelehrter Fadenschatten,
beweist die Kunst, im Stoff ermatten
Schatten groben Bunts.

Dann willst du tönen in den Falten,
die das All zusammen halten,
des alten krausen Runds –

dort spinnt sie still im Gurkenfeld,
umarmend ihre Sinnenwelt,
den wirren Wollenschweif.

Verwildert wohnt das feine Garn
in ihrer Hand, in ihrem Arm
wie fädener Morgenreif.

Ein Funkeln tobt durchs Gurkenfeld,
ein Tosen, das aus Nähten quellt,
wie irden tönt es da.

‘ne Bäuerin wollt früh aufstehn,
wollt ‘naus auf ihren Acker gehen.
Falteri tarallala, falteritara.

(2.2.15, Gerda zugeeignet)

***

Naturbetrachtungen sind der Spiegels des Dichters in seinem Zeitalter. Die Natur selbst, nahezu unveränderlich, was die Generationen aller Dichtungen zusammengenommen anbelangt, ist in ihren radikalsten Veränderungen in dieser kurzen Zeit doch von außen dem Menschen unterworfen. Diese Einwirkungen gehören also ebenfalls zum Spiegelbild des Dichters in seinem Zeitalter und sind für die Natur in ihrer Gänze, in ihren unendlichen Zeiträumen, nahezu belanglos. Die Betrachtung der Natur durch den Menschen ist also auch die Betrachtung der Kultur, der Wissenschaft und der Politik in einer Epoche. Der Einwand, dass jedes beliebige beobachtete Objekt diese Kriterien erfüllt, trifft durchaus zu, doch ist die Naturbetrachtung das direkteste Bindeglied zwischen der Innenwelt und der Außenwelt des Menschen seit jeher. Die frühesten Zeugnisse menschlichen kulturellen Ausdrucks sind Naturbetrachtungen. Innerhalb der Entwicklung und der Geschichte der Lyrik, ist die Naturbetrachtung das durchgehende Motiv, auch was seine Wirkung und Bewertung angeht. Dies lässt sich auf alle anderen Künste und auf den Menschen als Kulturwesen überhaupt übertragen. Und der kulturelle Ausdruck des Menschen ist sein höchstes Gut.

(Hamm, Zeche Radbod, 28.1.15)

***

Sängerin (Betrachtung)

Hier ist überall deine Stimme, Frau.
So gar nichts geht über eine Frauenstimme, die aus einem im Rhythmus lodernden Körper strömt, flirrt. Diese beiden – Körper und Stimme – und dann dieser Blick aus den strengen Augen – und dann wieder Stimme, ein kühlender Messerschnitt. Aus ihrem Haar sucht eine Strähne die schmalen, herausfordernden Lippen, die säumen spöttisch einen großen, gleichermaßen würdevollen Mund. Die Härte des Erlebten in der ungebrochenen Stimme und dann wieder biegsam und klar – Körper und Stimme – auch Spröde darin, dann wieder verhängt ein Schimmer den verletzten Blick. Die Strähne findet die Lippen und bricht das Grau, eine Krümmung in einem Waldteich, vor Wärme und dem ganzen Tohuwabohu um ihren Kopf. Ein unwilliges Zucken als Reaktion, dann ein stolzer Schwung durch Kriegerin, Hexe, Geliebte, Muttertochter und zitterndem Säugling in einer Blase aus Blut. All dies ist in der Stimme und in dem ganzen Rest der Frau. Sie lächelt scheu und stolz zugleich. Dann legt sie das Mikrofon zur Seite, mustert uns und geht zum Rauchen hinaus.

(Osnabrück, Akustiksession, 23.1.15, Miriam zugeeignet)

***

Aporie

Ach je, mein armes Los war Glück,
auch wenn vom Glück ich rück ein Stück,
rückt Glück sogleich verrückt zurück,
entzückt ob dieses Meisterstücks,
das hinterrücks mich stumpf beglückt.
Und ich, wen wundert’s, war bedrückt,
vom Glück gebückt.
Wenn auch geschmückt mit Glück,
hat nun das treue Pech das Glück gezückt
und sich ganz frech hineingedrückt
ins Lebensmittelstück (wie Mutterglück).
Ich war, wen wundert’s, ganz verrückt,
denn sicher ist,
nicht jeder ist vom Liebesglück,
als lebensfrohes Einzelstück,
so unverhofft vom Glück gefückt.

(Osnabrück, 22.1.15)

***

Romanze in Moll

Kind, was kann dir gefallen?
In einer Welt, vollgepackt mit Zeit.
Du singst die Flocken aus den Wolken
und webst ein Lachen in das Kleid der Traurigkeit.

Einfalt und Urvertrauen, Mut bis zum Morgengrauen.
Das ganze soll vielmehr sein eine Romanze in Moll.

Fütter mich, meinst du und sagst „Liebe“,
und ich zähl die Poren in deiner Haut.
Aber ich muss fehlen, denn es sind zu viele,
und der Morgen kommt unerlaubt.

Einfalt und Urvertrauen, Mut bis zum Morgengrauen.
Das ganze soll vielmehr sein eine Romanze in Moll.

***

Die Sonne im Holz verziert warm speiend den Ofen
mit Karamell aus den Tiefen der Glut,
zwar brodelt dümpelnd der Sud,
doch nicht die mäandernden Strophen.

Siedend hüpft die Suppe mit Wollust im Kessel
auf und ab und der Dampf tändelt mau
aus den Unhöhen der Höhle, als Tau
fällt er tröstend auf die Alte im Sessel.

Gelegentlich knackt ein Scheit wie ein beiläufiges Küsschen,
gleichermaßen knackt auch die Alte faul ein.
Ihr kichriges Schnarchen knackt still und allein
gleich einem sinkenden Steinchen in einem winzigen Flüsschen.

Der Fluss ist die Hase, die Höhle der Michel,
die Alte ist das Tinchen, die Suppe heißt Couscous,
der Sessel ist ein Topf, der Tau ist Kondenswasser,
der Sessel ist ein Bett, gibt es eine Sonne im Holz?

Doch dieses Loblied auf das Warme birgt die Liebe im Bauch
aus dem Schönen als Gut,
birgt die Liebe ein Anakoluth
ins Zauberhafte und für den Hausgebrauch.

In tief empfundener, in Wahrheit geschmiedeter Liebe,
wirst du immer mein Milchmädchen sein,
dabei so süß wie Honigwein
und so schlau wie eine Fehe, obwohl du nicht weißt
wie doll ich dich liebe.

(Reiseplatz Osnabrück, 20.1.15)

***

Palim, palim, itzt wird es schlimm.

Wie schmälernd mir der Sack geschrumpelt,
der tagens mir vor Saft gestrotzt.
Jetzt und die Nacht die Brust mir rumpelt
und meine Seele kotzt (ganz leis).

Klappern schwarz vor violett
die Zweige mir wie Knochenkarst,
da zwitschern Lichter durch die Bretter.
Oh, danke, nur der Michel wars.

Nun ist er fort, nein, ich bin fort,
der Michel blieb, der Hund blieb mir:
schlotternd hängt das canide Vieh dort
an der Leine, das tolle Jagdgetier.

Über mir dräut, wie unterm Joch,
das Schloss und beugt sich drohend
auf mich nieder und meint noch:
„Arschloch!“, die erste Silbe nicht betonend.

Tapp, da tappt was und dann drückt es
und verschwillt sich in den Wirbeln,
wölbt sich, tappt und schiebt und drückt es,
bückt es mich – der Wind kommt zwirbelnd.

Die Felder schneen hin im Mondlicht,
das so klar die Szenerie
füllt mit geistestiefer Weitsicht
und dann mich mit Agonie.

Quatscht der Pfad noch und versteckt
sich unterm Matsch und klammen Laub.
Ach, die böse Angst verreckt mich,
macht das nüchterne Denken taub.

Na ja, gestorben und gefressen, durch und durch vernichtet
wurd ich nicht, denn ich sitz ja da
im Michel, mit Frau und Hund, mit Ofenglut beschichtet.
Palim, palim, itzt ist es wunderbar.

(Heessener Wald, 12.1.15)

***

Erschaffen ist

Der Schnee, der Wildnis ist und schmilzt.
Die See, die unterm Mond verfilzt.
Das Blatt, das klirrend gläsern wird.
Die Stadt, die nur die Stadt gebiert.

(Hamm, Oranienburger Straße, Sylvester 2014)

***

Advent

Der Atem gefriert auf den stillen Lippen.
Der See ruht reglos wie ein Opal.
Staunend erstarren die Bäume zu Gerippen.
Darüber kreischt der fürchterliche Himmel atonal.

Im alten Herzen ist es kälter
Als der Advent, des sanfter Schwung
Die Hoffnung trägt, auch die wird älter
Und erkaltet in der Erinnerung.

***

Quand le ciel bas et lourd
Comme le terre, l’ésprit gémissant.

Dans les herbes ils embrassent
L’espérance, un cache humid
Plus triste que la nuit.

Quand mon âme, l’espoir
Lance vers le ciel bas et lord.
Nous sommes les sauvages-
Les vampires.

(24.12.14)

***

Der große Zampano

Es ist viel leiser,
vielmehr ein Wispern als ein Laut, ein Rascheln ohne Ton,
ein Raunen und ein Glucksen wie ein Bach,
so ein Trompeten
wie Luft in einem Halm, wie das Trommeln
von Licht, das auf einen Tropfen Tau fällt,
das Knirschen des Wassers
wenn es Wellen wirft.

Im Kanon klingt das viel holder
als allein, der Chorus ist wie Mondenschein,
viel schöner als rotbrauner Lippenrost
und
als der Brustton von im Frost erstarrtem Hauch.
Der gähnende Rauch perlt silbern
von den Schloten
in den krähenden Hahn.
Kriegsstarrende Sinfonie,
wächsern in den Gräben,
mehr Schaum als Ton.

Das Morgentüdelü kann unmöglich Frieden sein,
es fehlt der große Zampano,
der Sonnensprung durchs Wolkenlaub
zum Abendtralala,
die wollen gar keinen Frieden mehr,
die Nacht ist viel zu nah –
wo kommen all die Posaunen her –
bis hierher und nicht weiter.

Der nasse Hall,
irisierend und zersponnen,
aus den schwarzen gläsernen Gruben
wie Gas,
das laut an Kacheln zerbricht und
scheppernd in den Kehlen
widerhallt.
Mit einem Brabbeln stürzt die Dissonanz in den Gulli.
Fermate.

(Radbod, 16.11.14)

***

Michel im Friedwald (Betrachtung)

Der Regen verwirrt den Wald.
Mit böigem Schauern definiert er Nässe neu.
Die finstern Kumpel verharren im Strauch,
man kann das Blähen ihrer Nüstern an den Wangen spüren.
Das Fieber wohnt in einem U-Boot hinter der Haut
und macht Exkursionen durch die schwachen Muskeln,
die zittern von der Vibration der Bootsmotoren wie Pappeln.
Der Wald klopft unruhig an die Dachluke,
danach kommt er klatschnass auf einen Abtswinder Tee vorbei.
Die Kerzen zeichnen Dämonen an die Wand,
gleichzeitig macht Schwindel die Sinne zu Brei.
Der Bus wird gebeutelt von der hohen See.
Generationen von Wasser nagen an der Außenhaut.
Die Frau blickt entschlossen zum Wanderweg,
zieht die Jacke an und geht zum Pissen hinaus.
Nüsse und Beeren, Haferflocken und Mandelmilch
und der Regen tritt energisch gegen die Tür.
Die finstern Kumpel sickern durch den Auspuff hinein.
Mit Knüppeln und Fangnetzen fängt das Morden an.
Im Regen ist man ja gut versteckt,
der Regen gibt Schutz und macht klaustrophobisch
und funkelt hell und ist tiefschwarz zugleich.
Es ist Regenzeit.

(Möhnesee, 9.8.14)

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